Zwei

Ich bin nicht unzufrieden mit meinem Körper. Klar, von einem durchtrainierten Zwanzigjährigen bin ich weit entfernt. Von einem durchtrainierten Vierzigjährigen leider auch. Aber unzufrieden bin ich trotzdem nicht. Ich kann Treppen steigen, ohne gleich rot anzulaufen. Und ich kann kurz rennen, um die Bahn noch zu erwischen. Auch ohne rot anzulaufen, aber schon mit leichter Kurzatmigkeit. Es steht auf meiner To-Do Liste. Das Sport machen. Als ich dreißig wurde, habe ich mich entschieden mit vierzig Sport zu machen. Als ich vierzig wurde, war mir klar, dass ich dafür dreißig sein muss. Als ich in diesem Moment aber auf dem Rücken liegend an mir herunter schaue und ihre Stirn gleichmäßig und im Takt immer wieder unter meinem Bauch auf- und abtaucht, ärgere ich mich ein kleines bisschen, dass das mit dem Sport und meinem durchtrainierten Körper nicht mehr geklappt hat. Sie scheint es in diesem Moment allerdings nicht sonderlich zu stören. Oder sie hat die Augen zu.

Die Sache mit der Pistole in der Bahn ist jetzt zwei Tage her. Zwei Tage, in denen sich einiges getan hat. Ein riesiges, orangefarbenes … Ding, ein leuchtender Himmelskörper, hängt über unserem Planeten und droht diesen zu zerstören. Oder auch nicht. So richtig im Klaren darüber ist sich nämlich niemand. Die einen sagen so, die anderen so. Egal, auf welchen Kanal man schaltet, im Fernsehen gibt es bloß noch mehr Expertenrunden, die entweder sagen, dass wir alle sterben werden oder aber felsenfest vom Gegenteil überzeugt sind. Menschen bleiben in ihren Häusern und erliegen der Illusion, ein Dach über dem Kopf könnte sie vor dem schützen, was da oben hängt und bedrohlich gleißend brennt.

Wir haben die Wohnung nach dem ersten Schrecken auch nicht mehr verlassen. Dafür haben wir die Zeit hauptsächlich im Bett verbracht. Irgendwas zwischen dem vielleicht letzten Mal Sex und der mir zugefallenen Beschützer-Rolle hat dazu geführt, dass dies nicht die schlechtesten Tage meines Lebens waren. Selbst meine Nasenschleimhäute sind seit Mittwoch nicht mehr angeschwollen. Heute ist Freitag. Das ist ein Rekord. Ich würde gerne in die Apotheke gehen, mich mit geschwollener Brust vor der Apothekerin aufbauen, diabolisch lachen und ihr dann erklären, dass ich eben nicht mehr der Loser bin, der jede Woche neuen Stoff bei ihr kauft. Ich … Ich bin gekommen.


Es klopft an der Tür. Eine Sicherheitstür. Eine absolut sehr sichere Sicherheitstür, die wirklich absolut sicher ist, mit absoluter Sicherheit sehr viel Geld gekostet hat und die eine wunderbare Illusion der Sicherheit in den eigenen vier Wänden erzeugt. Entschuldigung, man darf in Zeiten wie diesen ja wohl paranoid sein! Und jetzt, mit diesem … Ding da oben, hat sie sich ja erst richtig bezahlt gemacht. Ich muss an den kalten Stahl der Tür denken und schließe verträumt die Augen. Sie war wirklich sehr teuer und so ein wenig sieht es immer aus, als wäre sie das Tor zu einem Heizungskeller oder dem Chemieraum meiner alten Schule, aber: Dieses wohlige Gefühl absolut sicher zu sein gefällt mir gut! Ich mag diese Tür sehr.

Es klopft noch einmal und ich schrecke auf.

Sie sitzt in der Küche und trinkt meinen Kaffee.

Ich gehe schon, sage ich und gehe. An der wirklich sicheren Tür angekommen, erinnere ich mich an den Zustand der Welt und verhindere gerade noch so, den Zugang zu meiner Wohnung allzu unachtsam allem potentiell Bösen da draußen zu gewähren. Ich blicke durch den Flur ins Wohnzimmer, vorbei an dem Pearl Harbor Poster mit Ben Affleck drauf und schaue aus dem Fenster ins rote Licht. Vorsichtig, denke ich bei mir. Vorsichtig! Mein Blick durch den Türspion fällt auf eine Kappe mit dem Logo irgendeiner längst aufgegebenen Science-Fiction-Fernsehserie.

Och nee. Der Nachbar aus dem Zweiten. Jetzt muss ich an das denken, was ich die letzten Tage im Internet recherchiert habe: Kannibalen. Das Schlimmste an Apokalypsen jeder Art sind die Kannibalen! Bilder von Menschen, die aktuell dem Kannibalismus frönen, gab es aber keine, weshalb ich nun etwas hilflos durch meinen Türspion auf die Kappe des Nachbarn starre und ziemlich dämlich „Sind Sie jetzt Kannibale?“ rufe. Es ist mir bereits eine Sekunde später unendlich peinlich.

„Was?!“, dringt es durch die Tür hinein.

„Ein … äh, ein Kannibale. Sind Sie jetzt ein Kanibale?“, frage ich noch einmal und schlage meine Stirn mit geschlossenen Augen gegen den kalten Stahl der Wohnungstür. Weltuntergang liegt mir nicht so.

„Kannibale …“, tönt es durch das Holz, „… wird man in der Regel doch erst, wenn es nichts mehr zu Essen gibt! Der Rewe an der Ecke hat aber immer noch auf.“

Ich stimme ihm gedanklich zu und nicke. Verdammt. Vielleicht reagiere ich ja gerade über? Ich beschließe, mich auf die Illusion der Sicherheit in meinen eigenen vier Wänden einzulassen, gebe nach und öffne die schwere Tür. „Wenn Sie Hunger haben, ich habe Krapfen da. Es ist also nicht nötig mich zu essen.“, begrüße ich den Nachbarn.

Der kratzt sich die Haare, hinten, unter der Kappe. Aus der Erinnerung weiß ich, dass er vorne keine mehr hat. Mein Blick mustert ihn abwärts wandernd. Er trägt das Oberteil einer Uniform aus dieser anderen, abgesetzten Science-Fiction-Fernsehserie. Eine Uniform, die der Hälfte von ihm gut gestanden hätte. Dort wo der Jacke gut fünf Zentimeter fehlen, sehe ich nur Bauch und Hosenträger. „Hübsche Uniform“, lüge ich und nicke.

Er starrt zurück. „Die haben mir die Wohnung aufgebrochen!“ Sein Gesicht hat gerade einen Sack Lieblingsmurmeln verloren. Also, zumindest sieht es sehr traurig aus.

„Oh“, sage ich. „Das … das tut mir leid!“

„Wieso, sind Sie etwa in meine Wohnung eingebrochen?!“ Ein verächtlicher Blick.

„Ich … nein, natürlich nicht! Warum sollte ich in Ihre Wohnung einbrechen?“

„Na vielleicht, weil die Welt untergeht und Sie jetzt Hunger haben? Hm?“

Ich schüttele den Kopf und lasse ihn dabei nicht aus den Augen. „Nee. Der Rewe an der Ecke …“, ich bewege den Kopf in Richtung Ecke, „… der hat ja noch auf. Und ich habe … Ich habe doch Krapfen. Die sind von da. Wollen Sie einen?“ Ich gestikuliere ihn in meine Wohnung. Irgendwie tut er mir jetzt leid, denke ich. „Hören Sie. Es tut mir leid“, sage ich.

„Ja.“ Er schaut mir nickend in die Augen.

„Hm?“, frage ich. Was?, denke ich.

„Ja.“, er nickt immer noch. „Ja, ich hätte gerne einen Krapfen.“

„Ah … okay“, sage ich. „Die waren im Angebot.“


Wir sitzen zu dritt am Tisch in der Küche. Auf der hohen, glänzenden Stirn meines Nachbarn aus dem Zweiten spiegelt sich das rote Licht wider, welches durch das Fenster hinter mir in den Raum fällt. Ich starre ihn an. Sie starrt ihn auch an.

Sein Blick starrt mich an.

„Wie bitte?“, frage ich.

Der Nachbar nickt jetzt nervös, zeigt mit dem Finger in unsere Richtung und wiederholt: „Sie reden nicht viel, oder?“

Meine Augenbrauen fahren nach oben. Ich blicke sie an.

Sie blickt mich an, verschränkt den Mund und zuckt die Achseln.

Wir reden nicht viel. Ehrlich gesagt haben wir uns in der Zeit, seit wir uns kennen gelernt haben, öfter erregt stöhnen als irgendwie reden gehört und ganz ehrlich halte ich diesen Punkt für die Geheimzutat in unserer aktuell blendend funktionierenden, noch wenige Tage alten Beziehung. Ich scheuche den Gedanken aus dem vorderen Teil meines Gehirns und versuche vom Thema abzulenken: „Haben Sie die Polizei gerufen?“, frage ich.

Er nickt bedächtig. „Ja.“ Er seufzt. „Die haben mich auf eine Liste gesetzt. Ich denke ich habe Glück und befinde mich unter den nächsten zweihundert Einbrüchen, denen nachgegangen wird“. Er seufzt noch einmal doller.

Ach, denke ich bei mir. Die Leute plündern also nicht, sondern begehen ganz klassisch Einbrüche. Krass.

„Sie gehen davon aus, dass sich eine lokale Einbrecherbande wohl die aktuelle Situation mit diesem … Ding …“, er zeigt mit dem Finger nach oben, „… zu Nutze macht. „Kein Scheiß, Sherlock.“

Dieses Ding, denke ich bei mir. Ich merke wieder, wie wenig ich über dieses Ding eigentlich wissen möchte. Vielleicht liegt es daran, dass mir diese Situation aktuell intensiven Sex beschert. Das Schicksal der Welt steht da in meinem Kopf etwas hinten an. Warum soll ich mich also fragen, was das da oben ist?

„Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das da oben ist?“

Herrje.

„Und wie kann es da überhaupt so hängen? Das macht physikalisch gar keinen Sinn!“

Himmel.

„Langfristig kann das für unsere Erde nicht gut sein.“

Och.

„Zuerst spielt das Wetter verrückt und dann werden wir ausgerottet. Wie die Dinosaurier!“ Der Nachbar starrt mich auffordernd, sich nach Bestätigung sehnend, an. Ich reagiere lieber nicht und nehme mir einen Krapfen. Einen mit Erdbeer-Marmelade und Puderzucker.

„Bis dahin werden wir jeden Tag um unser Überleben kämpfen und am Ende wahrscheinlich sogar uns selbst essen müssen!“

Die mit Zuckerguss mag ich lieber, weil einem beim Essen nicht überall der Zucker an den Klamotten hängt.

„Ich bin Veganer!“

„Waff?“ Ich blicke auf und schlucke das letzte Stück des Marmeladen-Krapfens herunter.

„Ich bin Veganer. Ich esse gar kein Fleisch. Auch keine anderen Menschen.“

Ich überlege aufzustehen und danach zu googeln, ob irgendwo explizit steht, dass Veganer keine Menschen essen dürfen. Das gilt doch nur für tierische Produkte, oder?

„Ich habe keine Ahnung von Ackerbau. Schon gar nicht während das Ende der Welt naht!“

Ich gucke leer und nehme mir ganz langsam noch einen Krapfen, der natürlich nicht vegan ist.


Der Nachbar hatte sich die Woche frei genommen, um auf irgendeine Convention zu fahren. Heute morgen ist er dann wiedergekommen und fand seine Wohnung total verwüstet vor. Notebook, Tablet und Memory-Sticks wurden geklaut. Alles andere wurde aus den Regalen und Schränken gerissen und liegt nun wohl verteilt so rum und irgendwie ist wohl alles auch kaputt. Jetzt hat er nur noch die viel zu kurze Uniform und die Kappe, traut sich nicht mehr in seine Wohnung und … verdammt, ich könnte noch zehn von diesen Krapfen essen.

Sie ist mittlerweile gelangweilt aufgestanden und im Schlafzimmer verschwunden. Ich schaue seit dem an die geschlossene Schlafzimmertür. Ich sollte hinterher gehen. Ich sollte auch den Nachbarn wegschicken. Aber der hat ja kein „weg“ mehr. Die Situation mit ihm nervt mich gerade viel mehr, als die mit diesem … Ding da oben. „Ich, äh. Ich habe da hinten noch ein kleines, ungenutztes Zimmer. Wenn Sie wollen, können Sie dort erst einmal auf der alten Couch schlafen.“

Er spielt mit seinen Fingern, den Blick zum Boden gewandt. „Danke! Vielen Dank.“

Ich nicke stumm.


Es klopft von außen an der Schlafzimmertür.

Ich erschrecke leicht und öffne blinzelnd die Augen. Vor mir steht Ben Affleck in Jersey Girl. Nein, vor mir hängt Ben Affleck in Jersey Girl. Mit einem fetten Filzmarker hat irgendjemand „Go fuck yourself!“ auf das Poster geschrieben. Ich habe es damals trotzdem gekauft, weil es mich irgendwie ansprach. Und weil es wegen dem Spruch recht günstig war.

Es klopft nochmal.

Wieso klopft es? Ich überlege. Ach, denke ich bei mir: Der Nachbar. Ich blicke über meine Schulter zum Fenster. Rotes Licht. Ich lasse meinen Blick weiter in Richtung Wecker schweifen. Zehn Uhr. Gut, da ist ein Klopfen durchaus akzeptabel. Aber was kann er wollen? „Ja?“, frage ich verunsichert. Dann höre ich hastige Schritte näher kommen.

Er hatte offenbar schon aufgegeben und kommt jetzt wieder zurück. „Frühstück“, raunt es da durch die geschlossene Tür. „Ich habe Frühstück gemacht.“

Ich gucke leicht erstaunt. „Oh“, sage ich. „Danke. Wir, äh, sind gleich da!“

Ich schaue in ihr schlafendes Gesicht und beobachte sie einige Zeit, bringe es aber nicht wirklich übers Herz, sie zu wecken.


Ein paar Minuten später verlasse ich das Schlafzimmer und betrete den Wohnraum. Er ist leer. Bis auf den großzügig gedeckten Frühstückstisch. Spiegeleier, knusprig gebratener Speck, dunkelbraun geröstete Würstchen, Brötchen, leckere Krapfen! Offensichtlich geht der Bäcker noch seinem Geschäft nach. Auf der Anrichte, unter einem Daredevil-Poster mit Ben Affleck drauf, liegt ein fremdes, vor allem aber nagelneues iPhone und lädt friedlich vor sich hin. Ich muss an mein vier Jahre altes Modell denken und schaue dabei neidisch aus der Wäsche. Es wird wohl dem Nachbarn gehören. Eben hat er doch noch verlegen an unsere Schlafzimmertür geklopft, jetzt ist er aber nirgends zu sehen. Seltsam. Gedeckt ist auch erst für zwei. Ich bin etwas verwundert, vertreibe das Gefühl aber schnell mit einem großzügig mit Erdbeermarmelade gefüllten Krapfen. Ich kaue genüsslich auf dem Teig, der sich in meinem Mund zu einem Ball aus Marmelade und Zucker formt und erst dann entdecke ich die absolut sehr unsichere, offene Wohnungstür. Doof. Die soll nicht offen stehen! Weiß man ja nie, was da draußen noch so rumläuft. Ich nehme mir also einen weiteren Krapfen und mache mich auf, die Tür zu schließen.

Vorsichtig werfe ich noch einen Blick nach draußen. Das Treppenhaus ist leer und es ist totenstill. „Hallo?“ Ich flüstere nach meinem Nachbarn, aber es reagiert niemand. Neugierde ist keine meiner regulären Eigenschaften, warum also kommt sie ausgerechnet jetzt auf? Ich verfluche mich und beginne, die Treppe nach oben zu steigen. Es ist weiterhin sehr still, bis auf meine vorsichtigen Schritte auf der knarrenden Holztreppe. „Hallo?“, rufe ich jetzt etwas lauter. Immer noch nichts. Ich erreiche den zweiten Stock und spähe vorsichtig um die Ecke. Die Wohnungstür meines Nachbarn steht ebenfalls weit offen. Aha. Dort, wo eigentlich ein Schloss sein sollte, befindet sich nur noch ein wunderschönes Loch. Ich wage einen Blick hinein in die Wohnung und sehe … nichts. Der kleine Flur ist sehr übersichtlich eingerichtet. Auf einem Holzstuhl liegen diverse Schlüssel an einem Rentier-, Elch- oder Karibu-Schlüsselanhänger und ein Feuerzeug mit dem Vornamen meines Nachbarn drauf. In der Ecke steht ein Mülleimer mit einem Aufdruck von Captain Janeway aus Star Trek Voyager. Ein darüber an der Wand hängendes Poster, zeigt Jean-Luc Picard, der sich die Hand vors Gesicht hält. Eigentlich ein Zeichen, dass er irgendetwas so gar nicht fassen kann. Aktuell bilde ich mir ein, er wolle nicht hinsehen, was gleich passiert. Mir fällt ein, dass ich zu Panik neige und verfalle auch sogleich in selbige. Trotzdem wage ich einen Blick ins einzige Zimmer der Wohnung. Warum, weiß ich nicht, aber ich hasse mich sogleich dafür. Die Besitztümer meines Nachbarn liegen unordentlich und teilweise zerstört überall auf dem Boden herum. DVDs und Blu-rays bilden an verschiedenen Stellen des relativ großen Zimmers kleine bis mittelgroße Türmchen oder sie bedecken den Fußboden. Ich atme tief durch. Was denn jetzt noch? Was mag sich, angezogen von diesem … Ding am Himmel, hier in der Wohnung versteckt halten, was jetzt hinter irgendeinem umgestoßenen Möbelstück auf mich lauert? „Hallo?“, flüstere ich leise. Ich bin plötzlich wieder acht Jahre alt. Monster gibt es nicht, kriege ich gerade von meinen Eltern eingebläut. Stell dich nicht so an! Monster gibt es nicht. Aber …! Nichts aber! Monster gibt es nicht. Punkt. Aus. Basta. Als Kind las ich von einem anderen Kind, das immer sang, wenn es in den dunklen Keller gehen musste. Singen hat es bei mir aber immer noch schlimmer gemacht. Dann fürchtete ich mich vor den Monstern im Keller und den Liedern, die ich kannte. Die Titel-Melodien von „Die Strandpiraten“ oder „Ein Colt für alle Fälle“ waren dann immer wie weggeblasen. Dafür drängten sich Lieder über Hexen, Kannibalen und Kindermörder nach vorne. Lieder, die ich auf Klassenfahrten und Ferienausflügen am Lagerfeuer gelernt habe. Super. In meinem Kopf gab es also Monster. Obwohl mir stetig versichert wurde, dass es auch dort keine geben sollte und dass es, falls doch, sehr gute Medizin dagegen gäbe.

Riesige Meteore, die in der Atmosphäre hängen und das Klima durcheinander bringen sollte es übrigens auch nicht geben. Da wackelt die Theorie mit den nicht existierenden Monstern schon ein wenig, wie ich finde. Vielleicht muss die Sache mit den Wesen unterm Bett ja doch noch einmal neu untersucht werden. Ich will gerade anfangen, das Thema von „Ein Trio mit vier Fäusten“ zu summen, als ich ein leises elektronisches Brummen vernehme, das scheinbar vom nicht richtig geschlossenen Kühlschrank neben einem großen schwarzen Ledersofa ausgeht. Mist. Die Prioritäten meiner elterlichen Erziehung lagen genau da: Offene Kühlschränke durften dies nur maximal zehn Sekunden sein. Die hatten ja nix, die Eltern.

Heute werde ich deswegen schon nervös, wenn ich nach fünf Sekunden noch nicht die Butter gefunden habe. Man könnte sagen, ich bin, was das angeht, traumatisiert. Ich bewege mich durch den Raum und etwas knackt unter meinem linken Fuß. Unter mir liegen die Plastikscherben der „Gesprengte Ketten“-DVD-Hülle. (Mist. Guter Film, denke ich bei mir). Ich zerstöre auf dem direkten Weg zum Kühlschrank noch ganz vorsichtig die Hüllen von Ben Afflecks „The Town“ (Nein!), und „Akte X“ (die mit dem großen Mutato!) und komme kurz vor dem Ziel auf irgendwas mit Nicholas Cage zum Stehen (Glück gehabt!). Ich versuche die Kühlschranktür für meinen inneren Frieden zu schließen. Geht aber nicht. Irgendwie klemmt sie. Ich halte die Luft an und mache die Tür weit auf, um nachzusehen, warum sie klemmt. Es kracht und ich erschrecke, als eine Flasche Tomatenketchup vor meine Füße fällt. Sie zerschellt nicht. Ich atme auf, blicke nach rechts zu einem Plakat von irgendeinem der gefühlt zwanzig Doktoren aus der Fernsehserie Dr. Who und frage mich kurz ob Nicholas Cage auch schon dazu gehört. Nee, noch nicht. Ich stütze mich auf die Lehne des Sofas, blicke mich um und erblicke den Nachbarn, der hinter dem Möbelstück seltsam blass und verrenkt auf dem Boden liegt. Auf seiner Stirn klafft eine offene, kreisrunde Wunde. Hinter ihm auf dem Fußboden und auf der Hülle der Uncut Special Edition von David Cronenbergs „Scanners“ hat sich sein Gehirn auf dem Fußboden verteilt.


Normalerweise sollte ich jetzt panisch die Flucht ergreifen. Ich sollte Hals über Kopf durch die Wohnung rennen, mich an diversen Ecken und Kanten verletzen und dabei laut schreien oder zumindest etwas stammeln. Normalerweise sollte ich dann irgendwann anhalten, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, zitternd in die Knie sinken und mir dabei wimmernd die Hände vor den Mund halten. Ich würde dann vor Angst heulen, würde immer wieder schluchzend „Nein, nein, nein!“ sagen und der Schnodder würde ein Netz zwischen meinen Fingern und der Nase bilden, wie das einer Spinne im Morgentau. Die Panik würde mich verrückt machen, solange an mir nagen, bis ich mich endlich und mit vollem Eifer in den Captain Janeway-Mülleimer übergeben würde. Der Schock, würden sie dann sagen. Normalerweise.

Normalerweise liegt der Nachbar aber auch nicht neben seinem Gehirn und hinter dem Sofa. Also bleibe ich erst einmal ruhig und beiße in einen weiteren Krapfen, den ich mir vorsorglich als Proviant aus meiner Wohnung mitgenommen habe.

Ich sinke, mit dem Rücken an die Wand im Flur gelehnt, langsam in die Knie und spucke in den Captain Janeway-Mülleimer neben mir. Pflaumenmus mag ich nicht.


„Nein, ich bin völlig ruhig“, erwidere ich auf ihre Frage, ob ich einen Schock hätte, während ich mit dem linken Bein wippe als wäre es direkt mit einer Steckdose verbunden und dabei immer wieder nervös mit einem personalisierten Feuerzeug herumspiele, das nicht meinen Namen trägt. Mit der anderen Hand spiele ich mit meinem nagelneuen iPhone, für das mir partout nicht der vierstellige Passcode einfallen will. Ob ich mich nicht lieber hinlegen möchte, fragt sie mich. Ich ignoriere sie. Irgendwas mit Star Trek, Star Wars, Babylon oder dieser anderen Science-Fiction-Serie müsste es bestimmt sein. Ein vierstelliger Code, der etwas mit Science-Fiction zu tun hat. Ich probiere 1977. Fehlanzeige. Ich google am Notebook den Stapellauf der ersten Enterprise: 2151. Aha. Ist es aber auch nicht. Wieviele Episoden gab es eigentlich von Star Trek? War das schon vierstellig? Nee. Ich … „Was?“

Wo ich das Telefon denn her hätte, fragt sie mich und guckt dabei vorahnend skeptisch.

Das lag hier.

Es dämmert ihr und ihre Kinnlade fällt herunter.

Schon süß. Sie schreit mich an und ich bekomme direkt ein schlechtes Gewissen. Aber warum? Der Nachbar braucht nun ja wohl kaum mehr noch ein Telefon, oder?

Sie starrt mich ungläubig an.

Wir haben vor einer Stunde angefangen deutlich mehr miteinander zu reden als üblich und schon geht es mit unserer Beziehung bergab. Na toll. Ich hole tief Luft. Mein Telefon ist vier Jahre alt und er braucht keins mehr. Da ist es ja wohl legitim, mir das iPhone zu nehmen, welches auf meiner Anrichte in meinem Wohnzimmer so vor sich hin lädt und von dem ich nicht einmal wirklich weiß, ob es denn überhaupt seines ist!

Sie lacht fassungslos eine Lache, die irgendwo zwischen Überraschung und Abscheu anzusiedeln ist.

„Wir existieren doch derzeit in einer Ausnahmesituation“, sage ich. Wer weiß, was da alles nicht mit rechten Dingen zugeht. Womöglich … oh.

Sie ist jetzt wirklich richtig böse.

Ich lege das iPhone vorerst zur Seite, stehe auf und gehe an ihr vorbei in die Küche. Ein Toastbrot mit einer Scheibe Käse sollte genug Zeit schinden, um die Situation zu beruhigen. Ich entscheide mich für den Dreikorn-Toast mit dem Fitness-Versprechen (in Zeiten wie diesen ist Fitness sicherlich nicht schlecht), drücke die Taste am Toaster herunter und suche im Kühlschrank eine Scheibe Käse, die sich dort verdammt gut zu verstecken weiß. Ich werde ob der offenen Kühlschranktür leicht nervös. Nachdem auch Wurst, Marmelade und dergleichen zu fehlen scheinen, fällt mir wieder ein, dass der Nachbar ja Frühstück gemacht und den Tisch damit gedeckt hatte. Verdammt. Ich muss wieder an ihn und das Loch in seinem Kopf denken. Wie er so da oben in seinem Gehirn liegt. Währenddessen verbrennt mein Toastbrot.

Nee, tut es gar nicht. Aber es riecht verbrannt. Warum riecht es verbrannt? Ich gehe neugierig zur Küchentür und schaue vorsichtig ins Wohnzimmer hinaus. Aus meinem nagelneuen Mülleimer mit Captain Janeway drauf, steigen Rauch und kleine Flammen empor. Auweia, denke ich bei mir. Die ist tatsächlich richtig sauer. Und bloß wegen dem blöden iPhone. Ich blicke hinüber zur Anrichte, wo ich das besagte Gerät vor gut einer Minute abgelegt habe. Es liegt dort bloß noch das Ende des Ladekabels. In diesem Moment schießt ein gleißender Blitz aus dem Mülleimer gut einen Meter in die Höhe und signalisiert mir deutlich, dass jede Hilfe für mein neues Telefon zu spät kommt. Ach menno!


Ich nicke zufrieden, als ich die von innen zusätzlich mit vier großen Brettern vernagelte Sicherheitstür meiner Wohnung betrachte. Dann stutze ich und einen Augenblick später beginne ich, unter ihrem hämischen Blick (sie steht mit in die Seiten gestemmten Armen neben mir) sicherheitshalber die gesamte Tür von innen großflächig mit weiteren Brettern zu vernageln, was gut zwanzig Minuten dauert.

Sie schüttelt ungläubig den Kopf.

Schüttelt sie ihn wieder oder immer noch? Egal. Ich muss hier nicht mehr raus! Meine Augen funkeln ob der Genialität meines Plans. Ich kann gut eine Woche von Toast und Käse leben. Und wenn wir die erst einmal überstanden haben, sind wir wahrscheinlich eh in Sicherheit.

Es wird ja niemand eine Woche vor meiner Wohnungstür ausharren und darauf warten, dass die endlich mal wieder aufgeht. Ich blicke mich um und suche die Fernbedienung für den Fernseher. In freudiger Erwartung der nächsten sieben Tage. In Sicherheit. Sie ist im Schlafzimmertür verschwunden. Ich halte es für sinnlos ihr zu folgen und entscheide mich, erst einmal fern zu sehen. Ich mache es mir auf dem Sofa gemütlich und schalte den Fernseher ein. Im ZDF sitzen Til Schweiger und Jan Joseph Liefers in irgendeiner Spielshow über Tiere. Ich schlafe sofort ein.

In den folgenden zwei Stunden werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen, es werden diverse, folgenschwere Entscheidungen gefällt, zwei Diskussion über die nahe Zukunft und warum Krapfen damit überhaupt nichts zu tun haben geführt und eine Tür aufgebrochen, die zuvor zwar großflächig, aber zugegebener Maßen auch sehr dilettantisch verbarrikadiert wurde. Am Ende verlassen wir die Wohnung und machen uns auf in Richtung Straßenbahn. Der Klügere gibt nach.

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